Performative Philosophie

Mein Beitrag zum Stichwort „Performative Philosophie“ erschien in der Ausgabe 2 (Juni) 2016 der Zeitschrift Information Philosophie.

Hier der vollständige Text zum Nachlesen und als PDF.

Performative Philosophie

Von Matthias Gronemeyer

Heidegger, Heidegger was a boozy beggar who could think you under the table, David Hume could outconsume Schopenhauer and Hegel, and Wittgenstein was a beery swine who was just as sloshed as Schlegel.“

Das bekannte Lied der englischen Komikertruppe Monty Python über die Performance berühmter Philosophen in Sachen Alkohol ironisiert zum einen den Betrieb der Philosophie, droht zum anderen aber ins völlig Unernste abzukippen. Damit berührt es zwei für das Thema „Performative Philosophie“ wichtige Punkte: Einmal den gegenwärtigen Zustand der Philosophie als akademisches Fach, der offensichtlich Anlass gibt, über erweiterte Formen des „denken tun“ nachzusinnen, dann aber auch die Frage, inwieweit das, was da auf einer Bühne passiert, philosophischen Geltungsanspruch erheben darf: Professoren schlüpfen in die Rolle ihres Lieblingsphilosophen und spielen (sehr belesen!) Talkshow, jemand setzt sich nackt in eine Badewanne und rezitiert Nietzsche, ein dritter verfasst ein „philosophisches Manifest“ und verbrennt es auf der Bühne oder jemand peppt seinen „klassischen“ Vortrag mit etwas New Jazz auf – dies sind einige Beispiele für Aktivitäten, die man in den letzten Jahren unter dem Etikett „performative Philosophie“ beobachten konnte. Zugegebenermaßen Beispiele, die die Notwendigkeit einer performativen Erweiterung des Denkens nicht umstandslos belegen. Sie sind aber zumindest Symptome einer Entwicklung der jüngeren Philosophiegeschichte und ihr Anlass ist ein durchaus ernster. „Performative Philosophie“ weiterlesen

Mythos Elektro-Auto

Politisches Feuilleton vom 3. Juni 2016
Politisches Feuilleton vom 3. Juni 2016

Es gab vor einigen Jahren einmal einen Werbespot von Mercedes-Benz, in dem ein Mann sich durch das laute Gewühl einer arabischen Stadt schlängelte, dann in eine Limousine der Marke stieg und die Tür hinter sich zuschlug, worauf völlige Ruhe einkehrte. „Willkommen zuhause“, lautete der dazugehörige Slogan.

Der Spot erntete schnell den Vorwurf der rassistischen Attitüde, er grenzte aus, schuf ein „Ich“ und „die Anderen“. Die Werbung hat man vom Markt genommen, die Autos nicht. Im Gegenteil: Sie haben in ihrer Exklusivität, das heißt in ihrer Fähigkeit auszugrenzen, weiter zugenommen: sind größer, wuchtiger, panzerartiger geworden. Die Kundschaft, heißt es, will es so. „Mythos Elektro-Auto“ weiterlesen

Paradies 2.0 – Eine Fiktion über das bedingungslose Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen, über das die Schweizer am 5. Juni abstimmen, habe ich schon vor zehn Jahren in meinem Buch Profitstreben als Tugend? (Marburg, Metropolis 2007) behandelt – die antiken Athener hatten es nämlich. Und es hat nicht funktioniert. Die Grundannahmen, die von den heutigen Verfechtern vorgebracht werden, sind die gleichen, wie vor zweieinhalb tausend Jahren. Die Folgen werden es auch sein, würde es denn je eingeführt: Für Athen bedeutete es das Ende der Polis – für uns wäre es das Ende der Politik.

In meinem Hörspiel Paradies 2.0 habe ich das Szenario ausgearbeitet.

Den Text gibt es hier als eBook (EPUB-Format) und PDF zum herunterladen.

In den Köpfen Ramsch und Flickwerk

Das Ende der Wissensgesellschaft

Politisches Feuilleton vom 31.03.2016
Politisches Feuilleton vom 31.03.2016

 

 

Bildung ist die Zukunft, Wissen muss allen zugänglich gemacht werden, nur als Wissensgesellschaft sind wir überhaupt überlebensfähig. Wer solche Sätze sagt, erntet Zustimmung. Und es ist in dieser Hinsicht ja schon viel erreicht worden: In den letzten 25 Jahren hat sich die Zahl der Hochschulabsolventen in Deutschland weit mehr als verdoppelt. Im OECD-Bildungsranking geht es stetig bergauf. Alles gut also? Weit gefehlt. Denn der Steigerung der Quantität steht ein ebensolcher Niedergang der Qualität gegenüber. Man kann inzwischen ein Studium abschließen, ohne je ein Buch gelesen oder eine Bibliothek besucht zu haben. Wo es früher noch hieß, man müsse zwar nicht alles wissen, aber wenigstens, wo es steht, braucht man heute nicht einmal mehr das: Mit ein paar Klicks ist die Bachelor-Arbeit zusammengestoppelt. Und weil zugleich am akademischen Lehrpersonal gespart wird, werden diese „Arbeiten“ in Anführungsstrichen umstandslos durchgewinkt. „In den Köpfen Ramsch und Flickwerk“ weiterlesen

Mit Hegel ins 21. Jahrhundert: Beständiger Wandel

„Das Ganze ist ein ruhiges Gleichgewicht aller Teile und jeder Teil ein einheimischer Geist, der seine Befriedigung nicht jenseits seiner sucht, sondern sie in sich darum hat, weil er selbst in diesem Gleichgewichte mit dem Ganzen ist.“ So schrieb es Anfang des 19. Jahrhunderts Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der gerne als der deutsche Staatsphilosoph bezeichnet wird. Es klingt, als hätte er damit das Sehnsuchtsmotiv eben jener einheimischen Geister formuliert, für die das ungestörte Dasein in der bürgerlichen Gesellschaft das Maß aller Dinge ist. Ruhe, Frieden und Gleichgewicht in der Heimat, das scheint derzeit das zu sein, was eine Mehrheit bedroht sieht und was sie von der Politik geschützt wissen will. Was hier in einem Satz beschrieben wird, ist aber, wenn man so will, nur der halbe Hegel. Wer hier zu lesen aufhört, meint dasjenige bestätigt zu finden, was er in seinem kleinbürgerlichen Geist, in seinem Kleingeist schon immer für richtig erachtet hat. In seinem epochalen Werk von der Phänomenologie des Geistes zeigt uns der Denker aber, dass in der Ruhe kein Bestehen zu finden ist, dass vielmehr alles erst durch seine fortwährende Negation seine Bestätigung erfährt. Das eingangs zitierte Gleichgewicht könne sich nämlich nur dadurch lebendig erhalten, heißt es gleich im folgenden Satz, indem Ungleichheit in ihm entstünde. Und damit meint Hegel weit mehr als bloß ein bisschen Arm und Reich. Um ein Gemeinwesen mit seinen isolierten Subsystemen zusammenzuhalten, müsse es hin und wieder durch einen Krieg erschüttert werden, der den Individuen, so schreibt er, „in jener auferlegten Arbeit ihren Herrn, den Tod, zu fühlen“ gebe.

Zu jener Zeit siegte sich Napoleon Bonaparte gerade durch Europa und auch wenn die Kriege damals noch nicht die mörderische Massenvernichtung des 20. Jahrhunderts kannten, die rund 35.000 Toten und Verwundeten der Schlachten bei Jena dürften auch dem dort lehrenden Privatdozenten Hegel nicht verborgen geblieben sein. „Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat“, stellt er lapidar fest, könne „wohl als Person anerkannt werden“; es habe aber „die Wahrheit dieses Anerkanntseins als eines selbständigen Selbstbewußtseins nicht erreicht.“

Angesichts der Millionen Kriegstoten und der Völkermorde seitdem verbietet sich Hegels Schlachtfeld-Optimismus – der dahinterstehende Gedanke einer fortwährenden Unruhe als Prinzip jeglicher Existenz, ob individuell oder gesellschaftlich, bleibt dennoch richtig. Die Zerrissenheit Europas, seine gegenwärtige Erschütterung, die allenthalben von den Kommentatoren wie ein Menetekel an die Wand gemalt wird, stellt insofern gerade nicht das drohende Ende des Gemeinwesens dar, sondern seinen immer wieder in Angriff zu nehmenden Anfang. Der inzwischen geflügelte Merkel-Satz vom „Wir schaffen das“ hätte im Sinne der Hegelschen Dialektik gerade dann seine Wahrheit bewiesen, wenn er sich als falsch herausstellen sollte. Die notwendige Bewegung ist nämlich nur um den Preis des möglichen Scheiterns zu haben – wer bloß am Bestehenden festhält, wird dagegen über kurz oder lang nichts mehr in Händen haben. Man muss den Kleingeistern die Anerkennung daher nicht verweigern – man könnte sie ihnen überhaupt gar nicht gewähren, nicht einmal aus Versehen.

Wer hingegen seine Existenz aufs Spiel gesetzt hat, weiß um die Wahrheit seines Selbstes. Dies wird die neue bindende Kraft sein, nicht mehr die zunehmend verblassende Erinnerung an vergangene Schrecken. Das Gemeinwesen des 21. Jahrhunderts wird eine Gemeinschaft der Wagenden sein.

Neues Buch: vögeln – eine Philosophie vom Sex

voegeln_Buch_1_grau_1182In „vögeln – eine Philosophie vom Sex“ bringe ich das zur Sprache, was die Denker seit zweieinhalb tausend Jahren verschämt verdrängt haben und erkläre, wie Philosophie und männliche Dominanz, Vernunft und sexuelle Unterdrückung zusammenhängen. Dabei gehe ich nicht nur analytisch vor, sondern versuche auch poetisch die Grenzen des Sagbaren auszuloten. Der Künstler Thomas Putze steuert etliche Tuschezeichnungen zu diesem Buch bei.

vögeln – eine Philosophie vom Sex wurde über startnext.de erfolgreich finanziert und wird voraussichtlich Mitte/Ende August 2016 ausgeliefert.

Weitere Informationen und Leseproben unter www.philosophievomsex.de.

Die Vernunft des Terrors

Radiobeitrag vom 23.11.2015, hier in einer etwas längeren Fassung.

Politisches Feuilleton vom 23.11.2015
Politisches Feuilleton vom 23.11.2015

Jetzt haben sie es wieder getan. Wie schon soviele Male zuvor. Mitten ins Herz der westlichen Welt, der freien Welt, der aufgeklärten Welt. Wieviele Tote sind es inzwischen schon? Man kann sie kaum noch zählen. Fast ein Wunder, dass es einen selbst noch nicht getroffen hat. Dieses Es: der Terror.

Und jetzt werden wir wieder reagieren, die Einheit unserer Werte beschwören, die Überwachung verstärken, Freiheiten einschränken, aufrüsten und die sogenannten Ursachen des Terrors bekämpfen, oder es zumindest versuchen. Doch der nächste Anschlag wird kommen. Wir werden dieses Andere, das sich mit solcher Vehemenz gegen uns richtet, nicht besiegen können. Denn dieses Andere, das sind am Ende wir selbst. Die aufgeklärte Vernunft, die die Freiheitswerte der westlichen Welt hervorgebracht hat, und der Terrorismus, der sie zerstören will, sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Um das zu verstehen, müssen wir zu den gemeinsamen Anfängen zurück, zur gemeinsamen Wurzel von universeller Vernunft und Monotheismus. Im biblischen Abraham-Mythos, der von den Anfängen des Glaubens an den einen Gott berichtet, wird auch die Geschichte des Kampfes Abrahams gegen den sumerischen König Kedor-Laomer erzählt. Dieser hatte mit seinem riesigen Heer die Stadt Sodom überfallen und geplündert und dabei auch Abrahams Neffen Lot mitsamt dessen Familie verschleppt. Als Abraham davon erfährt, eilt er dem Heer mit einem kleinen Haufen seiner Schafhirten nach Norden nach, überfällt das Heerlager in der Nacht von zwei Seiten, metzelt fast alle nieder und jagt den Flüchtenden, einschließlich dem König, noch so lange hinterher, bis auch der letzte getötet ist. In diesem ersten Vernichtungsfeldzug unserer Kulturgeschichte dokumentiert sich der Allmachtsanspruch des Gottes der Juden, Christen und Muslime, die Universalität des vernünftigen Gottes, der alles geschaffen hat und der alles lenkt. Dieser Universalitätsanspruch ist nun aber derselbe, den die aufgeklärte Vernunft für sich und ihre Menschenrechte reklamiert. Sie hat den vernünftigen Gott in den Gott der Vernunft überführt; sie ist, wenn man so will, „Monotheismus ohne Götzendienst“. So hatte es der berühmte Marquis de Sade formuliert und in seinen Büchern hatte er uns direkt im Anschluss an die europäische Aufklärung gezeigt, wie sich der Totalitarismus der Vernunft in die totale Grausamkeit verkehren kann. Die Freiheit und die Unfreiheit stehen sich nicht als Feinde gegenüber, sondern in einer dialektischen Beziehung zueinander. Der Anspruch einer allumfassenden Freiheit ist in sich widersprüchlich, weil er genauso totalitär ist wie der Feind, gegen den er sich richtet. Denn was Alles ist, ist zugleich nichts. Um Etwas zu sein, muss es immer ein Anderes geben, das dieses Etwas nicht ist. Die totale Vernunft und der totale Gottesglaube müssen sich daher gegen sich selbst kehren, weil es ein Anderes für sie per Definition nicht geben kann. Im Terror und im Krieg gegen den Terror stehen sich also nicht ein freiheitlicher Westen und ein unaufgeklärter Orient gegenüber, sondern ein und derselbe Universalitätsanspruch, dessen innere Widersprüchlichkeit nun offen zutage tritt.

Dass der Terrorismus der letzten zwei Jahrzehnte vorrangig islamistisch ist, liegt also nicht in einer prinzipiellen kulturellen Differenz begründet, sondern allein an einem günstigen Nährboden. Wir sehen keinen zionistischen Terror, weil der bewaffnete Kampf seit Jahrzehnten verlässlich von der offiziellen israelischen Armee erledigt wird. Sollte sie einmal in diesem Kampf nachlassen, greift aber auch das radikale Judentum schnell zur Waffe, wie man insbesondere am Attentat auf Itzak Rabin gesehen hatte. Wir sehen keinen evangelikalen christlichen Terror, weil die fundamentalistischen Jesus-Anhänger bestens in die westliche Ökonomie integriert sind. Welches Potenzial zur Gewalt aber auch in ihnen steckt, lässt sich immer wieder in den USA beobachten. Die Bürgerkriege in vielen islamischen Ländern, die mangelnde Integration in Europa und die Hegemonie einer globalisierten Ökonomie sind also nicht die Ursachen des Terrors, sondern lediglich die ihn begünstigenden Umstände.

So richtig es ist, an diesen Umständen etwas zu ändern, so richtig es auch ist, den IS militärisch zu bekämpfen, eine dauerhafte Lösung ist es nicht. Wenn angesichts der Anschläge, angesichts der Toten die Einheit der westlichen Wertegemeinschaft gegen den Fundamentalismus beschworen wird, dann droht diese Wertegemeinschaft sich mit ihrem Gegner gemein zu machen. Die Antwort auf den Terror sollte also nicht lauten: Mehr Festigkeit, sondern: Mehr Flüssigkeit. Mehr Durchlässigkeit, Vielfalt, Differenz. Und auch wenn es paradox klingen mag: Weniger Vernunft. Angesichts der realen und empfundenen Bedrohung die Grenzen für Zigtausende zu öffnen, war vielleicht völlig unvernünftig – aber genau deswegen das Richtige.

Es wäre, nach den Anschlägen von Paris, sicherlich vernünftig Angst zu haben. Ich habe keine.

Schummel auf dem Prüfstand? Völlig in Ordnung!

Politisches Feuilleton vom 16.6.2015
Politisches Feuilleton vom 20.10.2015

 

 

Die Welt wird, da dürfte jeder zustimmen, zunehmend unübersichtlicher. Früher gab es bei Mercedes zwei Baureihen, inzwischen sind es etwa zwölf. Man kann in Deutschland zwischen gut 17.000 Studiengängen wählen und die sozialen Netzwerke offerieren Tausende potenzieller Lebenspartner.

In solch einer unübersichtlichen Welt, in der sich tausend Bewerber um einen Job bemühen, man nicht mehr weiß, welcher Reproduktionspartner für einen der richtige ist, welche Zahnpasta man benutzen oder eben welches Auto man kaufen soll, schafft der Test Orientierung – als Intelligenztest, Gentest, Ökotest oder eben Abgastest.

Und wenn man nicht nur seiner Umwelt, sondern auch sich selbst misstraut, dann greift man zum Psychotest.

Wo das Leben keine echten Herausforderungen mehr bereithält, es keine Drachen mehr gibt und damit auch keine Helden, müssen auch die Bewährungsproben simuliert werden. Und wo Waren kaum noch Gebrauchswert haben, sondern vorrangig einen Status ausdrücken, hilft gesteuerte Simulation, das schlechte Konsumgewissen zu beruhigen.

Tests sagen nichts über die Realität aus

Der Test ist eine ganz und gar künstliche Angelegenheit, und trotzdem neigt man dazu, ihn für die Wirklichkeit zu halten, gerade weil er so klare und einfache Resultate liefert. Noten von eins bis sechs, Energieeffizienzklasse A bis G, „Bester seiner Klasse“: Das ist es, was man sich am leichtesten merken kann.

Unübersichtlichkeit steht dagegen unter Täuschungsverdacht, allerdings zu Unrecht.  Ein Test liefert nur quantitative Ergebnisse, setzt Werte zueinander in Beziehung. Er kann kein qualitatives Urteil fällen.

Wenn koreanische Schüler im PISA-Test notorisch besser abschneiden als deutsche, belegen die Ergebnisse lediglich, dass der koreanische Schulalltag mehr einem Dauertest gleicht. Sie sagen nichts über die Qualität des Bildungssystems aus.

Und wer ein gutes Abitur hinlegt, ist trotz Hochschulreife noch lange nicht reif fürs Leben, sondern hat nur verstanden, wie man Erwartungen der Prüfer bedient, was für die weitere Karriere alles andere als hinderlich ist.

Der Götzendienst am Test geht schon so weit, dass derjenige als unmoralisch gilt, der sich seiner Vermessung verweigert. Er wird verdächtigt, etwas zu verbergen, im Schilde zu führen, am Ende gar schädlich für die Gesellschaft zu sein. Mindestens aber schätzt man ihn als dumm ein, weil er an seinen persönlichen Testergebnissen nicht interessiert sei.

Im Schummel liegt tiefere Einsicht

Ich habe daher Sympathie für Schummler und Trickser, Fälscher und Betrüger, die einer datenfixierten Gesellschaft vor Augen führen, dass die Wirklichkeit nicht in eine Tabelle passt.

Wer sich darüber empört, hängt einem naiven Weltbild an, ihm entgeht der aufklärerische Nutzen, den die VW-Diesel im Abgastest auf dem Prüfstand bewiesen. Die Ingenieure von Volkswagen haben ihren Motoren beigebracht, was viele Menschen nicht können: nämlich Realität von Simulation zu unterscheiden.

Das ist nicht nur eine technische Meisterleistung, sondern zeugt auch von tieferer Einsicht: Sei der, der du bist – und gib dem Test den Rest.

Die Scherben meines Glücks

Die Philosophie wird in letzter Zeit immer wieder mit dem Thema „Glück“ belästigt. Die Leute glauben, die Philosophen hätten hier eine besondere Kompetenz. Ich habe vergangenes Jahr diese Erwartungshaltung mit einer kleinen Performance in der Stuttgarter Hospitalhof-Kirche durchkreuzt, in der ich mich am abgelehnt- und ausgeschlossenwerden erfreue.

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Da das Video spontan aufgenommen wurde, ist die Tonqualität nicht optimal.

Dank an Thomas Putze für den Fensterrahmen und an Kurt Laurenz Theinert für die Video-Datei.

Der brutale Glanz der Scheichs

Politisches Feuilleton vom 16.6.2015
Politisches Feuilleton vom 16.6.2015

In der vergangenen Woche wurde das Urteil gegen den saudischen Publizisten al-Badawi bestätigt: 1.000 Stockhiebe und zehn Jahre Haft für ein paar Worte der Kritik. Wenn die irrwitzige Strafe vollzogen wird und Badawi sie überhaupt überlebt, dann als gebrochener Mann. Dabei ist dieser Fall nur die momentan sichtbarste Aktion eines Regimes, das monatlich bis zu zehn öffentliche Hinrichtungen durchführt und seine Arbeiter und Hausmädchen nicht selten wie Sklaven behandelt und missbraucht.

Klar, als Medienkonsument gewöhnt man sich schnell an alles. Aber im Falle Saudi-Arabiens scheint nicht einmal Gewöhnung nötig zu sein. Dabei ist das autokratische Königreich so anti-demokratisch und in seiner Auslegung des Islam so fundamentalistisch, dass der Nachbar Iran dagegen fast schon liberal erscheint. Trotzdem hört man aus dem Westen im Allgemeinen und aus Deutschland im Besonderen keine Worte der Kritik. Traditionell nicht. Im Gegenteil: Das archaisch-brutale Reich der Scheichs wird hofiert und mit modernsten Waffen vollgestopft.

Was sind die Gründe?

Man denkt zunächst ans Öl. Aber das gilt schon lange nicht mehr. Mit einem Importanteil von unter 5 Prozent ist saudisches Öl für Deutschland völlig unbedeutend. Umgekehrt hat man keine Probleme damit, unseren wichtigsten Energielieferanten, Russland, politisch zu isolieren und mit Sanktionen zu belegen. Im Öl-Argument steckt allenfalls noch die alte Traumatisierung durch die Ölkrise vor 40 Jahren.

Dann vielleicht die geostrategische Bedeutung Saudi Arabiens? Nun ja. Wer angesichts des Chaos im Nahen Osten ausgerechnet im Reich der Wahabiten einen Stabilitätsfaktor sieht, muss schon sehr naiv sein. Außerdem hat der Westen in den vergangenen Jahren gezeigt, wie schnell er autoritäre Regime in der Region fallen lassen kann.

Auch das oft zitierte Argument wirtschaftlicher Verflechtungen zieht nicht. Die gesamte Wirtschaftsleistung Saudi-Arabiens ist kaum größer als die der Schweiz und steht gerade einmal für 0,5 Prozent des deutschen Außenhandels. Die Scheichs aus der deutschen Wirtschaft auszuschließen, würde hier kaum jemandem den Job kosten.

Was also unterscheidet König Salman von Putin oder Ayatollah Chamenei, das uns so mit zweierlei Maß messen lässt?

Ich vermute, es ist der Glanz des märchenhaften Reichtums, der uns das Hirn vernebelt. Wir haben, bewusst oder unbewusst, immer noch Bilder vom Orient im Kopf, die wir mit der irren Hoffnung verknüpfen, etwas von diesem Reichtum möge auf uns herabfallen – auch wenn es völlig realitätsfern ist. Wir bewundern die Scheichs für ihre Yachten, Privatjets und goldenen Paläste. Im Schein der Milliarden übersehen wir jede Gräueltat.

Diese neurotische Seelenallianz des Durchschnitts mit den Superreichen reicht dabei vom Unternehmer, der im Ölprinz den Retter seiner maroden Firma erhofft, über die Händler auf Münchens Maximilianstraße, die beten, so ein Araber mit seinen zwei schwarzen Hüllenwesen im Schlepp möge auch bei ihnen mal einige Zehntausend liegen lassen, bis zu den Leserinnen einschlägiger Klatschblätter, die sich gerne ein Märchen von 1001 Nacht erzählen lassen.

Angesichts der Auspeitschungen und öffentlichen Enthauptungen in Saudi-Arabien kann man also nicht einfach mit dem Finger auf andere zeigen: auf die Politik, die Waffenhändler, die Ölkonzerne. Nein, jeder, der sich vom Glanz des märchenhaften Reichtums beeindrucken lässt, macht sich zum heimlichen Komplizen dieses finsteren Gewaltregimes. Spüren Sie, wie der Lederriemen die nackte Haut aufreißt?

Noch einige Anmerkungen, für die im Radio kein Platz mehr war:

Was die Aussicht auf unverdienten Reichtum mit den Menschen macht, haben Friedrich Dürrenmatt in seinem “Besuch der alten Dame”, Dostojewski in “Der Spieler” und Joseph Roth im “Hotel Savoy” gezeigt: Die Güllener schrecken nicht vor Mord zurück, der Spieler sehnt den Tod der Moskauer Erbtante herbei (und dreht durch, als diese, quicklebendig, ihre Hunderttausende ebenfalls im Casino verzockt), die Lodzer Bagage lungert in Erwartung des reichen Onkels aus Amerika arbeitsscheu in der Hotellobby herum (immerhin).

Diese Seelenallianz mit den Superreichen und die irrationale Hoffnung, es könnte einen selbst doch noch irgendwann der Reichtum treffen (der sich bei manchen bis zum letzten Atemzug hält), haben hierzulande bislang noch jeden Versuch einer Erhöhung von Erbschafts- und Vermögenssteuer sicher verhindert.